SKIN V – Der Körper als Habitat

Der menschliche Körper besteht zu einem erheblichen Teil aus „nichtmenschlichem“ Material. Milliarden von Mikroorganismen – Bakterien, Pilze, Viren – besiedeln Haut, Schleimhäute und insbesondere den Darm. Ohne diese Organismen wäre der Mensch nicht lebensfähig: Verdauung, Immunsystem, Stoffwechsel und sogar emotionale Zustände sind untrennbar mit mikrobiellen Prozessen verknüpft. Der Körper ist damit kein autonomes, in sich geschlossenes System, sondern ein offenes Gefüge, ein Habitat, das nur durch Symbiose funktioniert. Identität entsteht nicht trotz dieser Durchdringung, sondern durch sie.

Dieses Verständnis widerspricht grundlegend der lange dominanten Mensch-Maschine-Erzählung. Seit der Moderne wurde der Körper häufig als mechanisches System gedacht: reparierbar, optimierbar, ersetzbar. In der Kybernetik, im Transhumanismus und in klassischen Cyborg-Visionen erscheint der Mensch als Maschine mit Erweiterungen, als technisches Objekt, das durch Prothesen, Chips oder Software verbessert wird. Diese Vorstellung setzt Trennung voraus: hier der Mensch, dort das Werkzeug; hier das Subjekt, dort die Umwelt. Das symbiotische Körperverständnis kehrt diese Logik um. Der Körper ist keine Maschine, sondern eine lebendige Infrastruktur, ein ökologisches Netzwerk aus menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren.

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Theoretische und kunsthistorische Einordnung

In der Theorie wurde dieses Denken unter anderem durch Donna Haraway vorbereitet. Bereits ihr „Cyborg Manifesto“ unterlief starre Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur, Mensch und Maschine. Später verschob Haraway den Fokus deutlich: weg von der technoiden Figur des Cyborgs hin zu Konzepten wie Sympoiesis und dem „Making Kin“. Leben wird hier nicht als individuelle Leistung verstanden, sondern als gemeinsames Hervorbringen in komplexen Verflechtungen. Der Mensch ist kein Ursprung, sondern ein Knotenpunkt.

Ähnliche Perspektiven finden sich bei Bruno Latour, der die Vorstellung eines autonomen, modernen Subjekts als Fiktion entlarvt, sowie bei Anna Tsing, deren Arbeiten über Pilze und kollaborative Ökonomien das Überleben als kooperative Praxis beschreiben. Auch Rosi Braidottis posthumanistische Ansätze denken den Körper als relational, durchlässig und grundsätzlich mehr-als-menschlich.

In der Kunstgeschichte lassen sich Parallelen etwa in der Bio Art finden, beispielsweise bei Eduardo Kac oder Anicka Yi, die mit lebenden Organismen, Gerüchen oder mikrobiellen Prozessen arbeiten und den Körper als poröses, instabiles System begreifen. Gleichzeitig existieren Bezüge zur Körperkunst der 1970er Jahre – etwa zu Carolee Schneemann oder Stelarc – wobei sich der Fokus verschoben hat: nicht mehr der Körper als Grenze oder Maschine, sondern als ökologischer Resonanzraum. Neuere künstlerische Positionen, die sich mit Pilznetzwerken, Pflanzenintelligenz oder multispezifischen Lebensformen beschäftigen, erweitern dieses Denken und lösen den Menschen endgültig aus seiner zentralen Position.

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SKIN V – Der Körper als ökologischer Spiegel

Die Arbeit SKIN V setzt genau an diesem veränderten Selbstverständnis an. Sie begreift den Körper nicht als individuelle Hülle, sondern als symbiotisches Habitat und dekonstruiert damit unser kulturell tief verankertes Verständnis von Körper, Identität und Autonomie. Gleichzeitig legt sie offen, wie weit unser Selbstbild von der tatsächlichen ökologischen Verfasstheit unseres Daseins entfernt ist.

SKIN V arbeitet mit digitalen Spiegelbildern, die mittels AR-Technologie erzeugt werden. Diese Spiegel zeigen keine idealisierte oder optimierte Version des Körpers, sondern visualisieren ihn als lebendiges Ökosystem. Pflanzen und Pilze wachsen auf der Haut, unter der Haut, dringen in den Körper ein, verschränken sich mit ihm. Organe werden überwuchert, Gliedmaßen transformiert, teilweise ersetzt. Der Körper erscheint nicht mehr als abgeschlossene Einheit, sondern als Übergangszone, als Lebensraum für andere Lebensformen.

Die AR-Spiegel fungieren dabei nicht als futuristische Interfaces im Sinne technischer Erweiterung, sondern als Instrumente der Verunsicherung. Sie machen sichtbar, was real bereits existiert, aber kulturell verdrängt wird: die radikale Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt. SKIN V verschiebt den Blick vom Körper als Objekt der Kontrolle hin zum Körper als Ort des Zusammenlebens. Nicht Fortschritt, Optimierung oder Überwindung stehen im Zentrum, sondern Koexistenz, Durchlässigkeit und Verlust von Kontrolle.

In diesem Sinne markiert SKIN V einen klaren Bruch mit klassischen Cyborg-Narrativen. Die Arbeit entwirft keine Zukunft des besseren, effizienteren Menschen, sondern konfrontiert uns mit einer Gegenwart, in der der Mensch längst nicht mehr allein ist – und es nie war. Der Körper erscheint als fragile, lebendige Infrastruktur, die nur existieren kann, solange ihre symbiotischen Beziehungen intakt bleiben.

Tragbare Medizin – symbiotic fungii wearable


zuletzt geändert: 2026-01