BODY 👁 178 | | 2026-01

Der menschliche Körper als symbiotisches System

Der menschliche Körper ist kein in sich geschlossenes, autonomes System, sondern existiert nur in permanenter Symbiose mit seiner Umwelt und anderen Lebensformen. Ein zentrales Beispiel dafür ist das menschliche Mikrobiom: Milliarden von Mikroorganismen im Verdauungssystem, auf der Haut und in den Schleimhäuten sind essenziell für Stoffwechselprozesse, Immunfunktionen und sogar neurologische Prozesse. Ohne diese fremden Organismen wäre menschliches Leben nicht möglich.

Die westlich geprägte kulturelle Wahrnehmung des Körpers steht diesem Verständnis häufig entgegen. Der Körper wird oft als klar abgegrenzte, kontrollierbare Einheit gedacht, die von „Fremdem“, „Unreinem“ oder „Nicht-Menschlichem“ getrennt ist. Diese Diskrepanz zwischen biologischer Realität und kultureller Konstruktion bildet den zentralen Ausgangspunkt der Arbeit.

Körpertransformation und Morphologie

Die Arbeit BODY hinterfragt diese Wahrnehmung mittels einer interaktiven Body-Tracking-Installation. Die Körpersilhouette und die Bewegungen des Betrachters werden in Echtzeit erfasst und in spekulative, nicht-menschliche Morphologien übersetzt.

Das digitale menschliche Skelett (Armature) dient als Fundament für das Interaktionssystem, um einen niederschwelligen Einstieg in die Erfahrung zu ermöglichen. Diese gewohnte Abbildung wird jedoch nach kurzer Interaktion radikal transformiert: Die Bewegung jedes einzelnen Gliedmaß wird auf mehrere Gliedmaßen der generativen Morphologie übertragen. Knochensequenzen werden verändert und Dimensionen angepasst – etwa durch extreme Größenveränderungen der Gliedmaßen, die Verschiebung von Knochenkonstellationen oder die Duplikation von Extremitäten.

Ziel ist nicht die bloße Verzerrung, sondern die Übertragung eigener, gewohnter Körperbewegung in spekulative, non-humane Bewegungslogiken. Die visuelle Sprache bedient sich dabei der Verzerrung menschlich anmutender Formen und Materialien sowie Botanik, Mykologie, Mineralogie: verwobene Wurzelsysteme, Myzel-Gewebe, Fellstrukturen, schwebende Tentakel, farbige Bodendecker, Erdreich und rohes Gestein.

Körperbewegung und Interaktion

Wir sind es gewohnt, das digitale Kameras bzw. digitale Spiegelbilder unser menschliches Ebenbild möglichst authentisch abbilden – um eine Identifikation mit dem digitalen Zwilling zu ermöglichen – Anstatt lediglich Oberflächen oder Merkmale wie Körpergröße und Geschlecht zu spiegeln, fokussiert sich BODY rein auf die Art und Weise, wie Personen sich bewegen. Erfasste Parameter wie die allgemeine Bewegungsintensität, die körperliche Ausdehnung (Body Spread) und die Bewegung im Raum steuern eine konstante Transformation – eine Art spielerische Evolution von Wachstum und Zerfall. Es gibt keine simplen Gesten-Befehle; die Transformation wird vielmehr durch die reine Freude am Spiel mit einer nicht-menschlichen Morphologie beschleunigt.

Alles ist im steten Wandel

Die menschliche Wahrnehmung ist auf Zeitspannen fixiert, in denen wir Veränderungen bewusst beobachten können. Tatsächlich befindet sich alles in einem konstanten Wandel zwischen Geburt, Blüte, Zerfall und Tod. Die Bewegung oder das Tanzverhalten des Besuchers wird genutzt, um diese Transformation auf spielerische, nonverbale und physische Weise voranzutreiben.

Ablauf der Interaktion

Die Interaktion beginnt als klassische frontale Spiegelsituation. Mit fortschreitender Dauer verändert sich jedoch nicht nur die Morphologie, sondern auch die Kameraperspektive: Die virtuelle Kamera taucht langsam von der Oberfläche durch die Membran in das Innere des Körpers ein. Der Körper selbst wird zur Landschaft – zum Habitat.

Dieses Eintauchen in einen „gemeinsamen“ spekulativen Körper ist mit einer prägnanten akustischen Ebene untermalt und kennzeichnet einen wichtigen Moment in der Interaktion: die erlebbare Erfahrung der Wechselseitigkeit der Symbiose bzw. des Parasitären. Im Laufe des Eintauchens verliert der Nutzende zunehmend die Kontrolle über das Geschehen, denn der erschaffene BODY entwickelt eine Eigendynamik. Die Eigendynamik können eigene Bewegunsmuster, Strömungen oder Oszillationen sein, die sich der Kontrolle des Nutzenden entziehen. Der Nutzende teilt und ringt mit einem gemeinsamen spekulativen Körper. Die akutstische Ebene dient hier als Unterstützung des Narrativ durch dissonante oder harmonische Klänge, bzw. reine Lautstärke um ein körperlich spürbares Ringen mit einem Gegenüber deutlich erfahrbar zu machen. Die Nutzenden können sich durch Ihr Verhalten dieser Entwicklung anpassen, oder sich widersetzen. Die Symbiose bleibt bestehen oder die Verbindung reißt ab.


Das Hässliche und das Schöne

BODY nutzt ästhetische Strategien des Cosmic Horror und Body Horror. Das Spiegelbild wird in etwas Absurdes und potenziell Furchterregendes überführt. Der Horror entsteht hierbei durch die unmittelbare Kopplung: Der eigene Körper geht live eine symbiotische Beziehung zu dem spekulativen Wesen ein.

Die Arbeit hinterfragt gängige Konzepte von Schönheit und Deformation. Strukturen, die kulturell als abstoßend gelten, folgen oft natürlichen Ordnungsprinzipien wie Fibonacci-Proportionen oder Fraktalen. Diese werden mit ornamentalen, floralen Elementen kombiniert.

Dieser Kontrast ist programmatisch: Selbst die „schöne“ Blume wächst aus Erde, die mit Schmutz und Verfall assoziiert wird. BODY macht diese Abhängigkeiten sichtbar und begreift Schönheit nicht als Gegensatz zum Verfall, sondern als dessen emergentes Produkt. Die Symbiose wird hier nicht romantisiert, sondern als konflikthaft, asymmetrisch und eng verbunden mit Parasitismus und Überwucherung dargestellt. Der Körper – ob menschlich oder spekulativ – ist ein produktives System, das gleichermaßen von Werden und Vergehen geprägt ist.

 

Skizzen und Material

KI generierte Material und Morphologieskizzen

speculative body torso made from bio materials

generative Morphologien basierte auf Lindemeyer Systemen

generative morphology – web based prototype

https://codepen.io/Tristan-Schulze/pen/dPXvRrQ

Skizzen