BODY 👁 42 | | 2026-01

Der menschliche Körper als symbiotisches System

Der menschliche Körper ist kein in sich geschlossenes, autonomes System, sondern existiert nur in permanenter Symbiose mit seiner Umwelt und anderen Lebensformen. Ein zentrales Beispiel dafür ist das menschliche Mikrobiom: Milliarden von Mikroorganismen im Verdauungssystem, auf der Haut und in den Schleimhäuten sind essenziell für Stoffwechselprozesse, Immunfunktionen und sogar neurologische Prozesse. Ohne diese fremden Organismen wäre menschliches Leben nicht möglich.

Die westlich geprägte kulturelle Wahrnehmung des Körpers steht diesem Verständnis häufig entgegen. Der Körper wird oft als klar abgegrenzte, kontrollierbare Einheit gedacht, die von „Fremdem“, „Unreinem“ oder „Nicht-Menschlichem“ getrennt ist. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die verbreitete Vorstellung von Hygiene als vollständiger Keimfreiheit: Während kulturell Sauberkeit mit Abwesenheit von Mikroorganismen gleichgesetzt wird, ist biologisch betrachtet gerade ihre Anwesenheit Voraussetzung für Gesundheit. Diese Diskrepanz zwischen biologischer Realität und kultureller Konstruktion bildet einen zentralen Ausgangspunkt der Arbeit.

Körpertransformation

Die Arbeit BODY hinterfragt diese Wahrnehmung des menschlichen Körpers mittels einer interaktiven Body-Tracking-Installation. Die Körpersilhouette und die Bewegungen des Betrachters werden in Echtzeit erfasst und in spekulative, alternative – nicht-menschliche – Morphologien übersetzt. Ziel ist dabei nicht die bloße Verzerrung oder Verfremdung der menschlichen Körperform, sondern deren Übertragung in spekulative non-human Formen und Bewegungslogiken.

Die Bewegung des Körpers wird auf eine generierte Körpermorphologie projiziert, die auf einem großformatigen Bildschirm präsentiert wird, vergleichbar mit einer Spiegel­situation. Virtuelle Kameras bewegen sich durch den Körperkorpus selbst und machen ihn als vernetztes Ökosystem sichtbar, nicht als abgeschlossene Hülle. Der Körper wird dabei zugleich als Umwelt, Habitat und Prozessraum erfahrbar.

Die dargestellten Körper sind in fortlaufender Evolution und Interaktion in sich selbst begriffen. Die Art der Körperbewegung und Verweildauer des Betrachters beeinflussen die Transformations des spekulativen Körpers zwischen Geburt, Blüte und Zerfall der einzelnen Organe.

Die visuelle Sprache bedient sich der Botanik, Mykologie und abstrahierter menschlicher Körperanatomie: verwobene Wurzelsysteme, Myzel-Gewebe, Fellstrukturen, schwebende Tentakel, durchscheinende Schwimmblasen, farbiges Moos, Pilze und Lamellen. Diese Strukturen gedeihen auf Oberflächen, die an verwittertes Holz, Zellulose, Erde und Wurzelwerk erinnern. Die Elemente formen spekulative Organe und Abhängigkeiten, die sich über den gesamten Körper erstrecken und dessen Funktionalität als vernetztes System betonen.

Das Hässliche versus das Schöne

BODY arbeitet bewusst mit ästhetischen Strategien des Cosmic Horror und Body Horror. Das Spiegelbild des Betrachters wird verformt, transmorphiert und in etwas Absurdes, Unbekanntes und potenziell Furchterregendes überführt. Der Horror entsteht dabei weniger durch die dargestellte Form selbst, sondern durch die unmittelbare Kopplung: Der eigene Körper geht durch seine Bewegung live eine direkte, symbiotische Beziehung zu dem spekulativen Körper ein.

Die Arbeit operiert mit ästhetischen Extremen und hinterfragt gängige Konzepte von Schönheit, Hässlichkeit und Deformation. Strukturen, die kulturell oft als abstoßend oder monströs wahrgenommen werden, folgen zugleich formalen Ordnungsprinzipien aus der Natur, die weithin als ästhetisch empfunden werden – etwa Fibonacci-Proportionen, Voronoi-Strukturen oder fraktale Geometrien. Diese werden mit ornamentalen Elementen wie floralen Motiven kombiniert; Anleihen an den Jugendstil sind dabei bewusst gesetzt.

Der entstehende Kontrast ist programmatisch: Selbst die als besonders schön empfundene Blume wächst aus Erde, die kulturell häufig mit Schmutz, Verfall oder Unreinheit assoziiert wird. Dieser Widerspruch wird genutzt, um dem Betrachter eine Erweiterung der Perspektive auf den eigenen Körper anzubieten. Die Arbeit stellt das kulturelle „Lob der Oberfläche“ – etwa jugendliche, makellose Haut oder normierte Körperformen – kritisch infrage. Die Symbiose, bzw. das Bild von Natur oft romantisiert und nicht harmonisch in sich: es ist konflikthaft und asymmetrisch und eng verbunden mit Parasitismus, Dysfunktion oder Überwucherung. Der Körper, ob menschlich oder spekulativ ist ein wachsendes, produktives System – ist aber eben gleich geprägt von Zerfall, Auslöschung und Tod.

Dinge, die gemeinhin als schön wahrgenommen werden, wie Blüten oder „reine“ Haut, sind stets Resultat komplexer Stoffwechsel- und Zersetzungsprozesse. Sie beruhen auf Systemen, die kulturell häufig als hässlich oder bedrohlich markiert werden: Gedärme, rohe Muskeln, Venen, Knochen oder feuchter Erdboden. BODY macht diese Abhängigkeiten sichtbar und begreift Schönheit nicht als Gegensatz zu Verfall, sondern als dessen emergentes Produkt.

speculative body torso made from bio materials

human armature motion maps to speculative body armature

The motion of each bone is mapped to several bones to a speculative generative morphology. Dimensions of the humanoid armature bones are modified, bone sequence is modified.

human armature motion maps to speculative body armature