MEN
👁 21 |
| 2026-02
amateur
analog blurry documentary photograph, upper body portrait of a ugly man in his late 30s, face marked by a fresh fight. He has a blackish thick swollen right eye side from a beating. His expression is dazed, empty. he is leaning backwardson a black brick wall.realistic skin, ugly tattoos. He is slightly sweaty, with street dirt smeared on his cheek. He wears a torn white shirt. In the bottom right corner, the glowing very small red digits „03:48“ are superimposed like from an old digital camera. The style is harsh, documentary flash photography with high contrast,slight film grain, and a dark, blurred background. The lighting is a direct, harsh frontal flash that creates sharp shadows and makes the sweat glisten. film grain, light leaks. 90s style. dirty lense.
Diese Serie zeigt Männer. Sie zeigt sie frontal, geblendet vom Blitz, festgehalten in jenem merkwürdig entleerten Moment, nachdem alles vorbei ist. Das Datum, hart und pixelig in der Ecke eingebrannt wie auf den schlechten Passfotos einer Polizeiakte, nennt die späte Stunde. 03:48. 04:17. Die Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der sich die Gewalt entladen hat und nur noch ihre Spuren zurückbleiben. Blaue Augen, aufplatzende Haut über der Stirn, der schmierige Glanz von Blut vermischt mit Straßendreck. Hemden, die an Schultern zerfetzt sind, als hätte sich das Tier im Stoff befreit. Es sind Porträts nach der Schlägerei, aufgenommen vor Clubs oder in ihren stickigen Vorzimmern. Doch der Kern dieser Arbeit liegt nicht in den sichtbaren Wunden.
„MEN“ ist eine pathologische Studie über ein Skript. Das Skript der patriarchalen Gewalt, in das Männer hineinsozialisiert werden und das sie, mal als Täter, mal als Opfer, immer als Gefangene durchlaufen. Diese Männer, die hier in den Blitz blicken, sind keine Individuen. Sie wurden generiert. Sie sind archetypische Avatare, zusammengesetzt aus all den Bildern, die unsere Gesellschaft von männlicher Aggression, von Härte, von verletzter Ehre gespeichert hat. Wir sehen also nicht Markus oder Kevin aus Berlin-Neukölln, wir sehen das Muster. Wir sehen das kollektive Imaginäre von Männlichkeit in ihrer gewalttätigen Entgleisung. Die KI wurde mit unserer eigenen visuellen Kultur gefüttert und spuckt nun deren Essenz aus: eine beunruhigende Serie von Gesichtern, die uns bekannt vorkommen, weil sie aus unseren Filmen, Nachrichten und Vorurteilen stammen.
Die Erzählung findet nicht in Begleittexten statt, sondern in den Details, die das Porträt selbst trägt. In der Ambivalenz des Blicks, der selten triumphiert, sondern meist leer, erschöpft oder von einer stillen, kindlichen Scham erfüllt ist. In den Tattoos: „Love Cindy“ steht dann neben den Schürfwunden, ein Herz mit Mutters Namen ziert den muskulösen Arm, der gerade einen anderen Mann geschlagen hat. Ein zerknittertes Foto der Freundin lugt aus der zerfetzten Hosentasche. Hier liegt die dialektische Spannung der Serie: die privateste Zärtlichkeit existiert unmittelbar neben der öffentlichsten Rohheit. Sie sind zwei Seiten derselben emotional unterentwickelten Medaille. Der Gürtel mit dem Schlüsselbund des Familienvaters, das versteckte Bürohemd unter dem zerrissenen Bandshirt – sie verraten den Mann, der am nächsten Morgen wieder in einer anderen, friedlichen Welt funktionieren muss. Die Uhrzeit im Bild wird zur entscheidenden Klammer: Das Porträt um 23:15 zeigt einen noch unversehrten, aber bis zum Zerreißen angespannten Körper, die Bierflasche schon als Waffe im Ansatz umklammert, den suchenden, herausfordernden Blick. Es ist das Bild der Latenz, der erlernten Erwartungshaltung, dass diese Nacht in Kampf enden muss. Das Porträt um 04:31 zeigt dann die physische Rechnung, die dafür präsentiert wurde.
Die größte Absenz der Serie ist zugleich ihre konzeptuelle Stärke: die Abwesenheit von Frauen. „MEN“ zeigt keine weiblichen Opfer, keine angsterfüllten Gesichter am Rand. Stattdessen zeigt es die Männer als Symptomträger des Systems, das auch häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe und toxische Dominanz ermöglicht. Indem die Arbeit sich ganz nach innen, in die Welt der männlichen Performanz und ihrer fatalen Folgen, wendet, macht sie die Krankheit selbst sichtbar, nicht nur ihre Auswirkungen auf andere. Der Mann mit der Platzwunde ist ein Ergebnis desselben Denkgebäudes, das verlangt, dass ein Mann hart sei, dass er Schmach nicht ertrage, dass er seine Dominanz verteidige. Die Spirale ist zirkulär: Die erlittene Demütigung nährt den Drang, sich beim nächsten Mal zu behaupten. Die erlangte „Ehre“ durch Sieg muss beim übernächsten Mal verteidigt werden. Es gibt kein Aussteigen, nur immer tiefere Hineingezogenwerden.
Die Fallstricke sind dabei allgegenwärtig. Die Ästhetik der direkten Blitzlichtfotografie, des Dreckes, der Verletzungen, birgt die Gefahr der Fetischisierung. Die Bilder dürfen nicht „cool“ wirken, nicht wie Standbilder aus einem Gangsterfilm. Die Hässlichkeit und Tragik des Moments muss präsent bleiben. Ebenso muss die Milieufalle vermieden werden: Gewalt ist kein Problem einer bestimmten Schicht oder Subkultur. Sie bricht im Edelclub neben der Cocktailbar genauso aus wie vor der Dorfdisko. Die Generiertheit der Gesichter hilft hier, Klischees zugleich zu bedienen und zu brechen – wir erkennen den Typus, doch er entzieht sich der einfachen soziologischen Zuordnung.
Was „MEN“ letztlich einfordert, ist ein schonungsloses Hinsehen. Es ist eine Arbeit, die versteht, dass der Ausweg aus der Gewaltspirale nur durch ihre rückhaltlose Darstellung und Benennung beginnen kann. Solange wir diese Form der Männlichkeit als „Jungssache“ romantisieren, als bedauerlichen Ausnahmezustand verharmlosen oder als Charakterfehler einzelner abtun, wird sie sich fortschreiben. Diese Porträts, diese leeren, beschämten, erschöpften Gesichter, sind Einladungen zur Reflexion. Sie fragen den Betrachter: Was siehst du? Siehst du den Täter? Siehst du das Opfer? Siehst du dich? Sie zwingen uns, unsere eigene Komplizenschaft in einem System zu erkennen, das Männer zu Gefangenen ihrer eigenen, erlernten Gewalt macht. Die erste und tiefste Wunde, die es zu heilen gilt, ist unsichtbar. Sie sitzt in unserer kollektiven Vorstellung davon, was ein Mann sein soll. „MEN“ hält uns den Spiegel vor – und in der Pixelstruktur der generierten Gesichter blickt unsere eigene Deformation zurück.
amateur
analog blurry documentary photograph, upper body portrait of a ugly man in his late 30s, face marked by a fresh fight. He has a blackish thick swollen right eye side from a beating. His expression is dazed, empty. he is leaning backwardson a black brick wall.realistic skin, ugly tattoos. He is slightly sweaty, with street dirt smeared on his cheek. He wears a torn white shirt. In the bottom right corner, the glowing very small red digits „03:48“ are superimposed like from an old digital camera. The style is harsh, documentary flash photography with high contrast,slight film grain, and a dark, blurred background. The lighting is a direct, harsh frontal flash that creates sharp shadows and makes the sweat glisten. film grain, light leaks. 90s style. dirty lense.
Diese Serie zeigt Männer. Sie zeigt sie frontal, geblendet vom Blitz, festgehalten in jenem merkwürdig entleerten Moment, nachdem alles vorbei ist. Das Datum, hart und pixelig in der Ecke eingebrannt wie auf den schlechten Passfotos einer Polizeiakte, nennt die späte Stunde. 03:48. 04:17. Die Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der sich die Gewalt entladen hat und nur noch ihre Spuren zurückbleiben. Blaue Augen, aufplatzende Haut über der Stirn, der schmierige Glanz von Blut vermischt mit Straßendreck. Hemden, die an Schultern zerfetzt sind, als hätte sich das Tier im Stoff befreit. Es sind Porträts nach der Schlägerei, aufgenommen vor Clubs oder in ihren stickigen Vorzimmern. Doch der Kern dieser Arbeit liegt nicht in den sichtbaren Wunden.
„MEN“ ist eine pathologische Studie über ein Skript. Das Skript der patriarchalen Gewalt, in das Männer hineinsozialisiert werden und das sie, mal als Täter, mal als Opfer, immer als Gefangene durchlaufen. Diese Männer, die hier in den Blitz blicken, sind keine Individuen. Sie wurden generiert. Sie sind archetypische Avatare, zusammengesetzt aus all den Bildern, die unsere Gesellschaft von männlicher Aggression, von Härte, von verletzter Ehre gespeichert hat. Wir sehen also nicht Markus oder Kevin aus Berlin-Neukölln, wir sehen das Muster. Wir sehen das kollektive Imaginäre von Männlichkeit in ihrer gewalttätigen Entgleisung. Die KI wurde mit unserer eigenen visuellen Kultur gefüttert und spuckt nun deren Essenz aus: eine beunruhigende Serie von Gesichtern, die uns bekannt vorkommen, weil sie aus unseren Filmen, Nachrichten und Vorurteilen stammen.
Die Erzählung findet nicht in Begleittexten statt, sondern in den Details, die das Porträt selbst trägt. In der Ambivalenz des Blicks, der selten triumphiert, sondern meist leer, erschöpft oder von einer stillen, kindlichen Scham erfüllt ist. In den Tattoos: „Love Cindy“ steht dann neben den Schürfwunden, ein Herz mit Mutters Namen ziert den muskulösen Arm, der gerade einen anderen Mann geschlagen hat. Ein zerknittertes Foto der Freundin lugt aus der zerfetzten Hosentasche. Hier liegt die dialektische Spannung der Serie: die privateste Zärtlichkeit existiert unmittelbar neben der öffentlichsten Rohheit. Sie sind zwei Seiten derselben emotional unterentwickelten Medaille. Der Gürtel mit dem Schlüsselbund des Familienvaters, das versteckte Bürohemd unter dem zerrissenen Bandshirt – sie verraten den Mann, der am nächsten Morgen wieder in einer anderen, friedlichen Welt funktionieren muss. Die Uhrzeit im Bild wird zur entscheidenden Klammer: Das Porträt um 23:15 zeigt einen noch unversehrten, aber bis zum Zerreißen angespannten Körper, die Bierflasche schon als Waffe im Ansatz umklammert, den suchenden, herausfordernden Blick. Es ist das Bild der Latenz, der erlernten Erwartungshaltung, dass diese Nacht in Kampf enden muss. Das Porträt um 04:31 zeigt dann die physische Rechnung, die dafür präsentiert wurde.
Die größte Absenz der Serie ist zugleich ihre konzeptuelle Stärke: die Abwesenheit von Frauen. „MEN“ zeigt keine weiblichen Opfer, keine angsterfüllten Gesichter am Rand. Stattdessen zeigt es die Männer als Symptomträger des Systems, das auch häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe und toxische Dominanz ermöglicht. Indem die Arbeit sich ganz nach innen, in die Welt der männlichen Performanz und ihrer fatalen Folgen, wendet, macht sie die Krankheit selbst sichtbar, nicht nur ihre Auswirkungen auf andere. Der Mann mit der Platzwunde ist ein Ergebnis desselben Denkgebäudes, das verlangt, dass ein Mann hart sei, dass er Schmach nicht ertrage, dass er seine Dominanz verteidige. Die Spirale ist zirkulär: Die erlittene Demütigung nährt den Drang, sich beim nächsten Mal zu behaupten. Die erlangte „Ehre“ durch Sieg muss beim übernächsten Mal verteidigt werden. Es gibt kein Aussteigen, nur immer tiefere Hineingezogenwerden.
Die Fallstricke sind dabei allgegenwärtig. Die Ästhetik der direkten Blitzlichtfotografie, des Dreckes, der Verletzungen, birgt die Gefahr der Fetischisierung. Die Bilder dürfen nicht „cool“ wirken, nicht wie Standbilder aus einem Gangsterfilm. Die Hässlichkeit und Tragik des Moments muss präsent bleiben. Ebenso muss die Milieufalle vermieden werden: Gewalt ist kein Problem einer bestimmten Schicht oder Subkultur. Sie bricht im Edelclub neben der Cocktailbar genauso aus wie vor der Dorfdisko. Die Generiertheit der Gesichter hilft hier, Klischees zugleich zu bedienen und zu brechen – wir erkennen den Typus, doch er entzieht sich der einfachen soziologischen Zuordnung.
Was „MEN“ letztlich einfordert, ist ein schonungsloses Hinsehen. Es ist eine Arbeit, die versteht, dass der Ausweg aus der Gewaltspirale nur durch ihre rückhaltlose Darstellung und Benennung beginnen kann. Solange wir diese Form der Männlichkeit als „Jungssache“ romantisieren, als bedauerlichen Ausnahmezustand verharmlosen oder als Charakterfehler einzelner abtun, wird sie sich fortschreiben. Diese Porträts, diese leeren, beschämten, erschöpften Gesichter, sind Einladungen zur Reflexion. Sie fragen den Betrachter: Was siehst du? Siehst du den Täter? Siehst du das Opfer? Siehst du dich? Sie zwingen uns, unsere eigene Komplizenschaft in einem System zu erkennen, das Männer zu Gefangenen ihrer eigenen, erlernten Gewalt macht. Die erste und tiefste Wunde, die es zu heilen gilt, ist unsichtbar. Sie sitzt in unserer kollektiven Vorstellung davon, was ein Mann sein soll. „MEN“ hält uns den Spiegel vor – und in der Pixelstruktur der generierten Gesichter blickt unsere eigene Deformation zurück.
