Mimikry

Die Natur hat maßgeblichen Einfluss auf unsere ästhetische Wahrnehmung und damit auf unser Form- und Ordnungsempfinden. Doch wie genau entsteht die Vielzahl an Formen, die wir in der Natur entdecken können? Wodurch begründet sich deren Mannigfaltigkeit?

Schon seit Generationen beschäftigt sich die Menschheit mit der Erforschung dieser Fragestellungen. Die Biomimikry ist ein wissenschaftlicher Ansatz, welcher unsere Natur als Katalog von Inspirationen und Lösungen definiert. Was können wir von Organismen und deren Aufbau und Verhalten lernen? Allgemein ausgerückt: Was können wir vom Vorbild der Natur lernen? Wie genau lernen wir die Natur zu lesen und welches Potential steckt für uns dahinter?

Tristan Schulze beschäftigt sich in seiner Ausstellung MIMIKRY mit der Entwicklung von formgebenden Algorithmen – u.a. mit Tuschezeichnungen bzw. Plottergrafiken auf Papier sowie einer ausstellungsbegleitenden Videoarbeit und zwei interaktiven Installationen. Die Arbeiten der Reihe „MIMIKRY“ sind Abbildungen von nonlinearen generativen Prozessen. Die Natur ist dabei eine wichtige Referenz sowohl im systemischen Aufbau, als auch in der Formgebung. Nonlineare Systeme sind charakteristisch für ihren hohen Grad an Komplexität bei verhältnismäßig simplen Regelwerk.

CELLULAR – algorithmic ink drawing on paper – (420 x 594mm) – 12/2015

CELLULAR – algorithmic ink drawing on paper – (420 x 594mm) – 12/2015

TREEGROWTH - algorithmic ink drawing on paper - (420 x 594mm) - 12/2015

TREEGROWTH – algorithmic ink drawing on paper – (420 x 594mm) – 12/2015

 

Entwicklung von Form durch agentenbasierte Algorithmik

Im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit stütze ich mich auf verschiedene Vorarbeiten aus verwandten Disziplinen, wie der allgemeinen Differenzierung visueller Merkmale von J.Bertin (Semiology of Graphics) und den gesammelten Werken von Ernst Haeckel oder Anton Kerner von Marilaun. Um existierende Formen und Systeme näher zu durchdringen, übersetze ich diese zunächst in einfache Handzeichnungen, die sowohl als Illustration, aber auch als funktionale Studie dient. Dieser Schritt offenbart, dass die Formen der Natur maßgeblich durch Prozeßhaftigkeit geprägt sind – man kann in vielen Fällen auch von einem abstrakten Wachstumsverhalten sprechen. Dieses Verhalten, welches wir bei Pflanzen, Tieren und selbst Mineralien beobachten können kann verblüffenderweise durch eine Handlungskette beschrieben werden, d.h. in einer vereinfachten Form in eine Algorithmik übersetzt werden. Der technologische Schwerpunkt dieser Übersetzung ist die Anwendung von Methoden der agentenorientierten Programmierung, welche im weitesten Sinn die Grundlagen der objektorientierten Programmierung widerspiegeln. Die zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Agenten. Dabei handelt es sich um einfache funktionale Objekte, die mit Anweisungsketten versehen sind um Daten zu verarbeiten. Der einzelne Agent ist dabei nur ein kleines Glied eines größeren funktionalen Netzwerks aus anderen Agenten – vergleichbar etwa mit einer Ameise in einem Ameisenstaat. Diese Programmiermethode finden schon in vielen Teilen aktueller Software seine Verwendung. Interessant ist allerdings in diesem Zusammenhang die Übersetzung dieser Methodik zur Entwicklung von visuellen Formen. Das Potential von agentenbasierten Programmen liegt in der Entwicklung von sogenannten „force-directed layouts“. Vereinfacht dargestellt handelt es sich dabei um selbstorganisierende visuelle Darstellungssysteme, bzw. Simulationen, die auf physikalischen und logischen Operationen basieren. Sehr komplexe Daten, die in einer engen Wechselbeziehung stehen, können durch diese Methode visualisiert werden, wobei der Mensch nicht das Layout selbst gestaltet, sondern vielmehr die Anweisungskette, also den Algorithmus des Agenten gestaltet. Die daraus entstehende Darstellung bietet in ihrer Komplexität eine visuelle Interpretationsgrundlage. Welche Formen sind also mit dieser Methode erzeugbar? Wie werden wir diese visuellen Darstellungen lesen können? Was werden wir darin erkennen können? Welche Formen von Ordnung und Organisation werden wir erkennen oder entwickeln können? Diese Fragestellung umreisst den Kern meiner Arbeit.

GENERATIVE FORM COLLECTION / INK DRAWINGS – different, various rulesets

GENERATIVE FORM COLLECTION / INK DRAWINGS – different, various rulesets

SPINNING GROWTH – algorithmic ink drawing on paper – (420 x 594mm) – 12/2015

SPINNING GROWTH – algorithmic ink drawing on paper – (420 x 594mm) – 12/2015

Die Ordnungssysteme der Natur

Durch die Verwendung von Methoden der Programmierung ist es uns möglich die Natur in ihren Formen und Ordnungen tiefgreifend zu erkunden. Diese Forschung reicht bis tief in angrenzende Bereiche der Biologie, Physik und Chemie. Welche Organisationsprinzipien können wir in der Natur beobachten? Welche Logik steckt hinter der Form eines Baumes? Mit einigen Ordnungssysteme sind wir täglich konfrontiert – beispielsweise mit Baum- oder Netzwerkstrukturen. Diese Systeme spielen in unserer Kultur eine große Rolle und so sortieren wir Objekte kategorischen, fortlaufenden, chaotischen, alphabetischen, numerischen, temporären oder lokalen Aspekten. Welches Organisationsprinzip steckt allerdings hinter einem Schwarm von Fischen oder der Flugformation von Wildgänsen? Wie beschreiben wir das Wachstumsverhalten von Korallen? Warum weisen bestimmte Gräsersorten ähnliche Morphologie auf wie bestimmte Baumarten? Ausgehend von dieser Fragestellung entwickelte ich eine Sammlung von Organisationsprinzipien, welche direkt von natürlichen Vorbildern inspiriert sind, aber auch dies weiterführen und mit den Vorzügen algorithmischer Gestaltung verbinden.

Komplexität und Einfachheit / Was hat das mit mir zu tun?

Unser Wissen verändert sich heute sehr rasant. Gerade in Hinsicht auf Verfügbarkeit, Aktualität und auch Haltbarkeit sind wir gezwungen unsere bestehende Wissenskultur neu zu bewerten. Seit jeher versteht es der Mensch Werkzeuge herzustellen um die Welt besser zu verstehen – ob es sich dabei um das Entwickeln von Landkarten handelt oder der Erfindung vom gedruckten Wort. Wir sind umgeben von einer komplexen Welt, die Kapazität des einzelnen Menschen weit überschreitet. Welche Werkzeuge haben wir seither dafür entwickeln können? Vielmehr sollten wir uns die Frage stellen: Wie lautet der Algorithmus, welcher es ermöglicht beispielsweise aus einer Datenbank eine lesbare, vielleicht sogar sinnliche Form zu generieren? Wären wir so nicht in der Lage allein durch unsere Biologie intuitive Schlüsse aus einer komplexen Information ziehen zu können? Ist Komplexität so überhaupt darstellbar? Und wenn dem so ist, wie lernen wir diese komplexen visuellen Informationen zu lesen? Werden wir in naher Zukunft Informationslandkarten lesen können? Wie wird sich damit unser Bild auf unsere Natur verändern?



Begleitvideo zur Ausstellung – Visualiosierung des Entstehungsprozess



Kleines Dokumentationsvideo zur Entstehung der Plottergrapiken