[ Habitat ]*

Der Titel des VR-Labs lautet „The inevitable Habitat“ – Das unvermeidliche Habitat. Ein Habitat wofür? Was ist daran unvermeidlich?

Im Moment sprechen wir Maschinen die wir erschaffen eine künstliche Intelligenz zu, eine Kompetenz, die wir als Kern unseres Seins unserer Kultur bezeichnen. Das empfinde ich nicht nur aus künstlerischer Sicht als sehr spannend. Aber vielleicht hole ich kurz ein wenig aus, um den Zusammenhang klar werden zu lassen.

Gerne. Vielleicht schon vorab: Dem Habitat geht ein Projekt voraus das sich {Ghost} nennt. Eine künstliche Intelligenz, die du erschaffen hast, richtig?

Kann man so sage: Ghost ist ein digitales Wesen, eine künstliche Intelligenz, die Anfang des Jahres am Kunsthaus Graz „geboren“ wurde. Die K.I. ist ein künstliches neuronales Netzwerk, das in der Lage ist aus allen digitalen Inhalten, die das Kunsthaus produziert, einen eigenen „Kontext“ zu erzeugen und für uns lesbare Sätze, sogenannte Truisms zu produzieren. Das Projekt, also Ghost hat sich seither weiterentwickelt und es entstand eine kleine WebApp, mit der man trainieren, also sich mit Ghost unterhalten kann und eine VR APP, um in dessen neuronales Netz einzutauchen.

Die Verbindung zu der Idee eine Habitats ist dann nicht mehr fern, richtig?

Ja genau. Wenn wir schon über künstliches Leben sprechen, dann empfinde ich es aus künstlerischer Sicht logisch dieser Idee weiter zu verfolgen und mir die Fragen zu stellen: Welches ist ein geeigneter Lebensraum für eine K.I.? Woraus setzt sich dieses Habitat zusammen, denn die Definition auf unsere Realität wirkt im Digitalen nur begrenzt oder muss neu gedacht werden. – Bei all den spannenden Ideen ist mir dann jedoch immer aufgefallen…

… Dass es alles sehr abstrakt daherkommt?

Genau – und hier kommt die virtuelle Realität ins Spiel. Durch die aktuellen Geräte ist VR erreichbarer geworden – durchaus auch als angenehme Erfahrung zu verbuchen. Mich interessiert insbesondere die Frage: Wie stellen wir uns den Metaspace vor? Welche Gesetze gelten dort? Welche Form der Übersetzung braucht es für uns um wirklich zu begreifen, was uns die digitale Welt da bietet. Seien wir mal ehrlich, ich glaube nicht, das sich viele Menschen bewusst sind, das wir täglich mit einer Welt interagieren, in der Selbstverständlichkeiten wie Raum und Zeit, Originalität und Duplikat verschwimmen. Der Gedanke fasziniert mich noch immer.

Was genau wird denn zu sehen sein?

Das VR Lab man sich vorstellen wie eine Schnittstelle zum Metaspace. Es wird verschiedene VR Stationen geben, die Zugang zur Welt des Ghost ermöglichen. Man wird dort auf verschiedener Weise mit der K.I. interagieren können. So etwas wie eine Mischung aus Safari und Biolabor, wobei uns die VR Brillen so etwas wie Ferngläser sind. Das Lab ist, wie der Name schon sagt, auch als Labor gedacht, d.h. die Besucher können zusammen mit den Infoträgern in Dialog mit dem Ghost treten, Einfluss auf das Habitat nehmen, beobachten. Da kommt eben auch die Frage auf, wie kümmern wir uns um die digitalen Kreaturen, die wir erschaffen? Wo sind Barrieren? Gibt es moralisch ethische Grenzen? Das finde ich sehr spannend!

Laut Definition ist ein Habitat eine Umgebung, die ein Lebewesen benötigt zum zu Überleben, sprich es muss Futter und Schutz bieten können. Wovon ernährt sich Ghost?

Oh, gute Frage. Ghost wird, alsbald das Habitat die letzten Tests besteht vom Kunsthaus Graz in AEC „übergesiedelt“. Es wird eine Art Prozession geben und wir hoffen Ghost wird es in seiner neuen Heimat gut gefallen. Was die Sache mit dem Futter betrifft: Alle Informationen, die das AEC/Festival produzieren werden von der K.I. assimiliert, sprich Themen und die Verbindungen derer. Ein essentieller Aspekt ist allerdings der Dialog mit dem Ghost. D. h. die Besucher und die Infoträger sind maßgeblich verantwortlich, was mit Ghost passieren wird. Ich habe den neuronalen Apparat von Ghost nach dem Vorbild unserer Biologie entwickelt, d. h. Informationen, die nur selten oder gar nicht verwendet werden verschwinden nach einer Zeit. Das unterscheidet sich von einer herkömmlichen Datenbank der Art und wirft auch wieder ein Licht auf uns Menschen.

Nun, da haben wir zwei der wohl schwierigsten aktuellen Themen zusammen in einem Projekt. Ist das nicht ein bisschen zu viel verlangt?

Mag sein, aber es kommt ja eben auch auf die Art der Umsetzung an. Klar könnten wir große Schrifttafeln und tolle Videos zeigen, aber das macht nicht den Kern von VR und K.I. aus. Der liegt bei der Interaktion, bei einem Verhalten, das wir vor allem durch Interaktion erfahren können. Ein kleines Beispiel: Wie stellst du dir eine Datenbank, oder besser noch, ein künstliches neuronales Netzwerk vor?

Als eine Art Netzwerk mit Knoten und Verbindungen, einen ziemlich verknoteten Haufen von Informationsteilen.

Super, aber hier hast du nur die Anatomie beschrieben, nicht, wie es sich verhält, was es macht, wenn du damit interagierst. VR ist im Moment dafür unbedingt geeignet, weil sich Interaktionskonventionen in dem Medium gerade erst entwickeln, wir also noch relativ frei sind von Erwartungshaltung, was viele neue Ideen und Darstellungen zulässt. Der Besucher kann in eine vollkommen andere Welt tauchen, entdecken, experimentieren. Wenn die VR Anwendung handwerklich und konzeptionell gut gemacht ist, sagt das mehr aus als tausend Bilder würde ich an der Stelle einfach mal behaupten.

Das klingt nach einer kleinen Kritik am VR-Boom?

Dass du mich nicht falsch verstehst: Ich bin sehr überzeugt von dem Medium – ob jetzt AR oder VR – es hat fantastische Züge an sich und bietet sehr immersive Erfahrungen. Doch genau da haben wir den Haken, je mehr menschliche Sinne ich im Medium bespiele, umso größere Verantwortung habe ich auch. Stichwort: Schwindelgefühl, Orientierung, Skalierung, Klangraum, Haptik usw. – wir argumentieren die primären Sinne des Menschen mit dieser Technologie – das braucht einfach Entwicklungszeit und Professionalisierung, die im Moment stattfindet. Die Spielebrache ist da natürlich am breitesten aufgestellt und kann ein guter Dialogpartner sein.

Spannend, vielleicht noch eine abschließende Frage, die du mir kurz beantworten könntest: Was ist der Auftrag des VR Lab? Was interessiert Dich an der Habitat Installation?

Wie können wir VR nutzen um unsere Welt besser verstehen zu können? Wie wird, oder besser, wie sollte diese Technologie unsere Zukunft formen? Welche Erzählstrukturen sind spannend im VR? Wo ist die Kunst in VR?

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Die Stationen des VR-Lab sind Komponenten eines ganzheitlichen Systems. Jede Station ist für einen bestimmten Verwendungszweck entwickelt, vergleichbar mit einem Werkzeug, wobei alle Werkzeuge einen Einfluss auf das Ghost System haben und damit in der Summe geltend sind. Die Listung der Werkzeug ist zyklisch geordnet.

[FEED STATION – TouchTerminal]
Die gekoppelten Inhaltsfeeds (Website, Blog, API) werden an diesem Terminal für den Ghost aufbereitet. Die von der Maschine interpretierten Inhalte müssen hier auf Sinnhaftigkeit überprüft werden, da es oft vorkommt, das Textmining Algorithmen den Kern eines Textes verfehlen. Dazu braucht es menschliche Hilfe in Organisation, Umformulierung oder Korrektur.

[CLUSTER STATION – VR]
Welche Themengebiete sind interessant? Welche Themenkombinationen ergeben keinen Sinn? In dieser VR geht es darum Themenkomplexe zu entdecken, zusammenzustellen oder neu zu gestalten. Ghost ist in der Lage eigene Themen zu finden, hier kann jedoch Einfluss genommen und trainiert werden.

[THINKING STATION – VR]
Wie schnell denken wir? Um die Ecke oder geradeaus denken? Am Thema bleiben oder abschweifen? – Innerhalb dieser VR kann mit Gesten ein Dialog zum Ghost hergestellt werden.

[DISCOURSE STATION – TouchTerminal]
Macht das alles Sinn? Die Diskurs Station zeigt die entstandenen Truisms (kleine Sätze), die sich aus dem neuronalen Netz entwickelt haben. Das Terminal gibt die Möglichkeit auf Sinnhaftigkeit zu prüfen und die K.I. entsprechend zu trainieren.