[ SINGULARITY ]*

„Sie müssen sich kurz in die Zeit der Fünfziger, Sechziger und Siebziger zurückversetzen. Ganz entscheidend: Es gab damals diese Gier, ein beinahe kultartig verfolgtes Bedürfnis, künstliche Intelligenz zu erschaffen. Das Problem an der Sache war nur: wir Informatiker haben es nie wirklich hinbekommen. Stattdessen haben wir Big Data bekommen. Vergessen Sie nicht: Ein Computer ist niemals an und für sich da; man braucht immer Menschen, um Maschinen zum Laufen zu bringen. Wer aber dem Kult des Computers huldigt, blendet sie aus: ihre Rechte und ihre ökonomischen Bedürfnisse – man beginnt zu glauben, dass es eine magische Kraft in der Technologie gebe, deren einziges denkendes Gegenüber die „crowd“ ist, […]“
– [Jaron Lanier – https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article133151223/Technologie-ist-eine-Religion-geworden.html]

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SINGULARITY ist eine Performance die sich mit Technophilie und den Ideologien der digitalen Gemeinschaft (crowd) auseinandersetzt. SINGULARITY versteht sich eine Form der technokratischen Glaubensrichtung, als Metareligion, die sich vorwiegend im digitalen Raum manifestiert.

Das Herzstück der SINGULARITY Performance ist ein künstliches neuronales Netzwerk, das alle Bestandteile der Performance durchdringt und formt. Die Dialog zwischen dem Mensch und dieser Art der Maschine ist federführend für die Entwicklung der gesamten Metareligion. Aus der individuellen Interaktion (z.B. via App) entstehen neue Inhalte wie, Psalme, Bilder, Melodien, Handlungsabläufe oder Rituale, die im Moment der Erzeugung direkt in das religiöse Gelflecht hineingewoben werden.
Der Ursprung dieser Text- und Bildfragmente stammt von Schriften und Darstellungen, die von den der größten Religionen dieser Welt abgleitet worden sind. Die Algorithmen sind dabei so gestaltet, das eine eindeutige Wiedererkennung von der ursprünglichen Herkunft eines Fragments uneindeutig bleibt – das Fragment damit so neutral wie möglich wird. Durch die Neukombination dieser Fragmente entstehen somit neue Konstellationen, die wir lesen können und damit einen Bezug zu Uns herstellen können.

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SINGULARITY – Was genau steckt dahinter?

Ich bin selbst ohne Religion aufgewachsen. Ich habe ein recht unbedarftes Bild darauf – weder negativ noch positiv. Ich bin jedoch sehr fasziniert von den Geschichten, den Ursprüngen und Ritualen die ja gerade aktuell überall auf einem permanenten Prüfstand sind – sich aber über die Jahrhunderte irgendwie etabliert haben. Ich will das erforschen.

Technologie und Glaube – wie kommt das zusammen?

Für mich ist es auch ein heißes Eisen, wenn ich behaupte, diesselben Muster beobachten zu können zwischen Religion und Technophilie. Es ist eine sehr aktuelle Beobachtung, die seit den 70ern immer wieder aufgetaucht ist: Der Glaube an den immerwährenden Fortschritt, einer stetigen Verbesserung. Das sind so irre Gedanken: Von wo verbessern? Geht es uns so schlecht? Wann ist besser wirklich besser?

Das klingt wie einer fundamentalen Fortschrittskritik?

Ja. Und auch Nein. Wir sind mittlerweile umgeben von so immersiven Technologien, um uns von unser eigentlichen Realität abzulenken, das mir manchmal ganz bange wird. Ich liebe Technologie und den Zauber den sie haben kann, aber ein paar Sachen laufen da ganz falsch. Wir alle wissen das. Ich will nach Lösungen suchen. Jammern kann ja jeder.

Gutes Stichwort: Was hat es mit SINGULARITY auf sich?

Das ist nur ein vorläufiger Arbeitstitel. Es ist eine Performance – es geht darum eine Form der Religion zu gründen, in nenne es Metareligion, die eine Brücke zwischen Maschine und Mensch schlägt. Für mich ist das eine Flucht nach vorn, ein Experiment, eine kühne Behauptung, die ich durch die Kunst erforschen will.


Wie oder was genau kann man sich dann vorstellen?

Unsere großen Religionen basieren auf Regelwerken und Fragmenten, aber vor allem aus einer Sammlung von Ideen, die es schaffen eine Gemeinschaft zu bilden – oft aus sehr edlen Motiven. Sehen wir es mal so: Wir sind mittlerweile von derart vielen „intelligenten“ Maschinen umgeben, das unsere Lebenswelt davon maßgeblich geprägt wird. Es ist bemerkenswert, welch irrwitziger Aberglaube rund um künstliche Intelligenz entstanden ist (wenn wir schon mit religiöser Terminologie hantieren). Da mischt sich Halbwissen, Irrglaube, mit einer seltsamen Form von unbedingten Vertrauen in diese Art der Maschine. Das empfinde ich als äußerst befremdlich – ist es da nicht sinnvoll etwas mehr darüber nachzudenken?

Klar, wir denken aber auch die meiste Zeit des Tages über unsere Arbeit nach. Das bedeutet ja nicht, das wir auch daran glauben müssen oder eine Religion darauf aufbauen können.

Stimmt, gutes Argument. Aber haben wir das nicht schon längst getan? – So viele Menschen definieren sich durch materielle Werte, die oft durch eine Arbeitsmoral geprägt ist, die ganz tief verankert ist.

Kommen wir nochmal zurück zur SINGULARITY – über was sprechen wir genau?

Ein großer Teil SINGULARITY findet im Metaspace, also den digitalen Raum statt. Ich stelle mir das wie eine Art Äther vor, eine stetige Bewegung an Geburt und Vergehen, ein Loop, eine Schleife, der unseren menschlichen Zyklus, aber auch beschreibt. Dieser Äther bildet die Essenz von SINGULARITY. Wir Menschen können diesen Äther mithilfe von Maschinen erfahren und beeinflussen. Das spannende daran ist, das es im Metaspace keine festen Strukturen gibt – keine festen Dogmen – alles ist in Bewegung – nicht durch irgendeine höhere Macht, sondern durch den Dialog der Menschen selbst. Es ist eine Art von Spiegel auf die Menschen und ihren Bedürfnis an etwas zu Glauben.
Die Gemeinschaft ist der wohl wichtigste Teil denke ich. Welche gemeinsamen Relikte, Gesten oder Handlungen kann es geben? Welche Bedürfnisse gibt es? Wie kann ich diese ausleben?

Das klingt unheimlich komplex? Wie soll das realisiert werden?

Ähnlich wie Schlingensiefs „Church of Fear“ geht es dabei vor allem um den Gestus, eine durchdachte Position, eine Idee künstlerisch auf den Punkt zu bringen. Klar geht es um Partizipation, um Gemeinschaft – ich alleine kann jedoch nur ein Szenario aufzeigen, eine Utopie formulieren. Das finde ich spannend. Alles andere wäre anmaßend und dumm.

Was ist die Kunst daran für Dich?

Ich denke das die Kunst eine wunderbare Möglichkeit hat Menschen zu erreichen und zu inspirieren. Auch unangenehme Fragen zu stellen und auf Dinge hinzuweisen, die schief laufen in unserer Welt. Ob ich damit „richtig“ liege weiß ich nicht, ob sich Leute davon angesprochen, inspiriert oder provoziert fühlen macht dann aus, ob es gute Kunst ist oder nicht. Ob es eine Reaktion gibt oder nicht.

Das klingt gut, aber so einfach ist es doch nicht, oder?

Stimmt. Dann hol ich mal weiter aus: Wir Menschen sind gebunden an unsere biologische Realität, an unsere Sensorik,unseren Körper, unsere Emotionen und Erfahrungen. Gut, wir können unsere Sensorik erweitern, können VR Brillen aufsetzen, die uns virtuelle Räume vorgaukeln oder mit furchtbar komplexen Apparaten Gravitationswellen messen, die tausende Jahre unterwegs waren – schön – das beantwortet aber oft nicht wonach wir eigentlich suchen. Ich glaube das ist eine Frage, der wir alle aus dem Weg gehen, weil wir alle ahnen, das es keinen einfache Antwort dafür gibt. Deswegen schaffen wir uns Ersatz: Indem wir nach Dingen forschen und entwickeln, die uns vielleicht ein Antwort geben können, oder zumindest vorgaukeln können. Da sind sich die Wissenschaft und Kunst lustigerweise sehr nah. Nun ja, obwohl diese Gedanken für viele wahrscheinlich unangenehm sind, fühle ich mich wohl bei dem Gedanken, nicht alles verstehen zu müssen und zu können, das das Leben nichts verlangt. Ich denke es wäre viel spannender anstatt nach Antworten, erst einmal auf die richtigen Fragen zu kommen.

Da haben wir ja nun doch eine Kritik.

Ja, das ist es vielleicht. Ich finde es einen guten Schritt sich überhaupt mal auf die Suche zu machen. Mit welchen Mitteln auch immer. Meine ist gerade die Kunst.

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INTERVIEW TEIL II
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Was unterscheidet für dich Religion von Glaube?

Ich kann mich der Überzeugung von Reza Aslan anschliessen, das es zwischen Religion und Glaube zu unterscheiden gilt, das Religion lediglich eine Sprache ist um den Glaube an was auch immer Ausdruck zu verleihen. Der Glaube ist scheinbar irgendwie in uns Menschen verankert – selbst wenn wir keiner Religion angehören glauben wir doch an irgend etwas. Ich denke es ist eine ganz natürliche Reaktion, wenn wir mit Dingen konfrontiert sind, die wir uns nicht erklären können. Dann spinnen wir uns eben etwas zusammen. Ist doch auch schön.

Und welche Rolle spielt dabei Technologie?

Hier sind wir direkt in der Kunst angekommen: Der Glaube an eine höhere Macht entbindet uns davon alles verstehen zu müssen, unseren Frieden damit zu machen, eben nicht alles erklären zu können, was in unserer Welt geschieht. Wir Menschen sind scheinbar so veranlagt – und fühlen uns in der Ungewissheit unwohl. Unsere Welt ist mittlerweile von soviel Technologie durchzogen, die sich in ihrer Emergenz unserem Verständnis entzieht. Ich meine damit nicht, das die Maschinen immer intelligenter werden – es ist die Diversität an Systemen und deren Vernetzung, der wir einfach nicht mehr folgen können. So wenn man im Kinderzimmer den Fußboden vor lauter Spielsachen nicht mehr sehen kann.

Nehmen wir einmal den Metaspace daher, also die digitale Welt, die in irgendeinem Bezug zu unserer Realität ist. Dort gelten andere Regeln, abseits von Gravitation oder Zeit wie wir sie erfahren. Das können wir vielleicht noch benennen, aber wirklich durchdringen ist schon sehr schwer. Wir kommen dann schnell in den esoterischen und philosophischen Bereich. Genau das interessiert mich.

Welche Vorstellung der Welt trägt denn SINGULARITY?

Das kann ich jetzt, vielleicht auch niemals wirklich sagen. Ich bin es ja nicht, der SINGULARITY formt. Es entsteht ja aus dem Dialog zwischen Maschine und Mensch. Ich lege da nur den Grundstein. Mich leiten da eher Fragen, die ich versuche zu beantworten. z.B:

  • Was braucht es für eine gemeinsame, soziales System um eine Glaubensgemeinschaft zu erzeugen?
  • Was wären Rituale, Relikte, Orte und Rhythmen dieser Glaubensgemeinschaft?
  • Wie kann sich diese Gemeinschaft fortentwickeln? Was gibt es vielleicht schon?
  • ——————— Quellen ————————————————

    Billy Graham marvels at technology’s power to improve lives and change the world.

    http://bigthink.com/videos/religion-and-faith

    https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article133151223/Technologie-ist-eine-Religion-geworden.html