The Myself Bubble*

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Die große Datenblase

Heute entsteht an nur einem einzigen Tag dieselbe Menge an Informationen als im ganzen Zeitraum von 1910 bis 2000 auf der ganzen Welt. Wir befinden uns im Übergang zum Informationszeitalter in dem Daten zum Rohstoff geworden ist. Der Begriff „big data“ begegnet uns dabei immer wieder wenn es darum geht, das unsere privaten Daten – digitale Spuren die wir hinterlassen, Begriffe die wir verwenden bis hin zu den Klicks die wir machen – gesammelt werden. All diese Metadaten, die wir bewußt oder auch unwissentliche hinterlassen, können Maschinen ein Abbild unserer Identität im Digitalen erzeugen – einen Avatar – unseres Ich’s in der digitalen Welt.
Doch welches Spiegelbild entsteht wirklich? Kann das was uns als Menschen ausmacht überhaupt auf diese Weise erfasst werden? Welche Aussage kann big data über unser Leben, über die Entscheidungen, die wir treffen, unsere Vorlieben und unser Miteinander treffen? Welchen Einfluß hat die digitale Welt schon jetzt auf unsere „analoge“ Realität?

Die Welt wird für uns sortiert: Die Filterblase

Was uns als vermeintlich relevante Information präsentiert wird, ist oft eine kleine Auswahl an Informationen, die auf unser digitales Profil abgestimmtes, errechnetes Produkt aus hohen Klickzahlen, Stichworttreffern oder sehr ähnlichen Inhalten, ist. Was uns als breit gefächertes Angebot von Suchmaschinen oder sozialen Medien präsentiert wird, ist im Regelfall eine maßgeschneiderte Selektion. Wie diese Selektion zustande kommt bleibt dem Nutzer verborgen. Im Vordergrund bleibt damit nur die am meisten zutreffendste, für uns relevanteste Information. Wer also bestimmt was für uns relevant ist und was nicht? Nach welchen ethischen Kriterien werden Informationen hervorgehoben oder ausgelassen? Sind Algorithmen in der Lage dem Nutzer ein pluralistisches, ethisch vertretbares Weltbild zu vermitteln? Auf welcher Grundlage?

Jeder lebt in seiner Blase

Jeder von uns lebt in seiner eigenen Blase, die maßgeblich von unserem Alter, unserer Herkunft, unserem Bildungsgrad, unseren Interessen, unserem Freundes- und Familienkreis oder dem Ort beeinflusst wird, an dem wir leben – nur um einige Faktoren zu nennen. Die digitale Welt hat uns in die Lage versetzt unser Interessen und unsere persönlichen Beziehungen auf globaler Ebene auszuweiten. Wir sind zu Spezialisten unserer eigenen Lebenswelt geworden. Man kann diesen Umstand als natürlichen Fortschritt bezeichnen und durchaus gutheißen. Doch wohin bewegen wir uns auf diesem Pfad?

Die Arbeitsreihe >The Myself Bubble< hinterfragt diesen neuen Lebensbereich mit Konzepten, Arbeiten und Visualisierungen in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz. Die Zielstellung umfasst dabei Arbeiten zu entwickeln, die sich kritisch mit dem Thema Algorithmen, Informationsfilter, Informationsblasen und Lebenswelten auseinandersetzen. Die folgenden Konzepte sind im Entstehungsprozess daher nicht finit.

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KONZEPT: one question per day

Die Arbeit > one question per day< möchte diese Blase in der Jeder von uns lebt erkennbar und vor allem erfahrbar machen. Die Grundlage der Arbeit ist dabei eine einfach Applikation die der Nutzer auf dem Smartphone installieren kann. Hier wird der Nutzer aufgefordert eine ihm/ihr wichtige Frage zu überlegen und diese zu notieren und zu versenden. Der Empfänger bleibt dem Sender allerdings unbekannt – d.h. die notierte Frage wird einem zufälligen Teilnehmer der Community zugestellt. Diesem bleibt dann offen zu antworten, ob überhaupt, flüchtig oder im Detail. Sollte die Frage eine Antwort bekommen dürfen beide Nutzer über die Reaktion des Gegenüber differenziert urteilen. Diese Routine wiederholt sind in einem täglichen Turnus.

Zentral werden sämtliche Interaktionen anonym festgehalten. Welche Fragen wurden beantwortet, welche nicht? Welche Reaktionen gab es auf das digitale „blind date“? Welche Inhalte spielten eine Rolle? Die Nutzer sind im Rahmen dieser Arbeit auf spielerischer Weise damit konfrontiert außerhalb Ihrer Blase/ bzw. Komfortzone zu kommunizieren um Konsens, aber auch echten Diskurs mit Menschen zu finden, die sich außerhalb der eigenen Reichweite befinden.

Die BIX Fassade bietet die spannende Möglichkeit den digitalen Dialog (Frage & Antwort ) direkt im öffentlichen Raum zu platzieren um damit eine Sichtbarkeit, dieser spezischen Blase zu bieten.

KONZEPT: The serendipity bubble

„To offer something that you’ll find interessting, you did not search for!“
– Die digitale Technologie ist heute in der Lage die Interessen eines Nutzers weitestgehend zu erkennen – bzw. anhand dessen bisherigen Aktivitäten zu errechnen. In der digitalen Welt wird unser Verhalten vorab kalkuliert um uns Werbeanzeigen oder andere Angebote passend anzubieten – wir sind ohne das wir es bemerken zum gläsernen Menschen geworden. – Die reale Welt hingegen entzieht sich derartiger Prognosen – hier bestimmen die Einflüsse unserer Umwelt, unser emotionales Befinden und Miteinander über das was geschieht.

Das Konzept >The serendipity bubble< möchte die Idee einer kulturellen Diversität wieder zurück ins Digitale überführen und bewußt das Subjektive, das Zufällige das Störende untersuchen. Unser "analoger" Lebensraum hat sich ins Digitale erweitert - wir sollten daher auch an diesem Ort die Gültigkeit unserer kulturellen Werte überprüfen.
Fü r einen Automaten ist es heute unmöglich einem Nutzer Informationen anzubieten, nach denen der Nutzer nicht bewusst gesucht hat – die Ihn/Sie allerdings trotzdem interessieren. Empfehlungs- oder Assoziationssysteme beruhen stets auf Durchschnittsmengen von Interaktionsmustern anderer Nutzer. Der Algorithmus kann niemals in der Lage sein dem Nutzer eine Selektion – aufgrund eigener Erfahrungen, eigener Interessen oder Abneigungen – anzubieten. Genau hier setzt nun die Arbeit ein.

Das Kuratieren von Information

Im Kern der Arbeit stehen ausgewählte Informationsarbeiter unterschiedlicher Herkunft, Alter, Bildungsgrad und Interessen. Diese werden beauftragt Informationssammlungen anzulegen und diese kuratiert an interessierte Nutzer zu verteilen, bzw. anzubieten. Die Besonderheit ist die Beziehung zwischen Leser und Kurator: Beide stehen in einem andauernden Dialog über Qualität, Relevanz, Form und Art der Informationen, die geliefert werden. Der Kurator steht also im Dienst des Lesers – Interessen zu bedienen, aber auch für den Blick über den Tellerrand zu sorgen und für neue Themen zu begeistern. Wie kann dieser Dialog am Besten funktionieren? Wie geht man mit Reibung um? Welche Feedbackkriterien sind sinnvoll?

Im Rahmen dieses Dialogs wird es zunehmend Diskussionen zwischen Kurator und Leser geben. Da ein Kurator nicht nur einen, sondern mehrere Leser hat, wäre auch hier ein spannendes Format denkbar um nicht nur Themen, sondern auch Leser untereinander durch Diskurs zu vernetzen.

Der Leser überträgt die Verantwortung für seinen wertvollen Informationsinput nicht einem Algorithmus, sondern wieder einem Menschen. Ähnlich der Verantwortung eines Arztes verlässt sich der Leser auf die Expertise und die Moral des Kurators, die richtigen Entscheidungen zu treffen, was relevant ist / was nicht. Die zentrale Frage besteht hier: Ist der menschliche (stets subjektiv geprägte) Filter besser als der des Automaten?

Die Flut an Informationen und Quellen wird in Zukunft immer weiter steigen. Wir sind daher immer stärker darauf angewiesen eine passende Auswahl aus der Menge aller verfügbaren Informationen zu treffen – um uns ein Bild von der Welt machen zu können, in der wir leben. Wir werden schon in naher Zukunft Assistenten benötigen, um einen geeigneten Zugang zur Infospähre zu erhalten. Mit welchen Mitteln bewältigen wir diese Herausforderung? Welche Konsequenz wird dies maßgeblich für unsere Lebenswelt haben?

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KONZEPT: The bullshit toolkit

Im Mittelpunkt dieses Konzeptes steht die Entwicklung von mehreren digitalen Guerrilia Werkzeugen, die im Rahmen der Ausstellung der Öffentlichkeit in vollem Umfang zugänglich gemacht werden sollen. Der Werkzeugkasten besteht aus mehreren Modulen, die miteinander vernetzt werden können.

  • Entwicklung eines Filters um die populärsten, populistischsten, trivialsten Informationen aus dem Netz zu filtern und zu sammeln.
  • Entwicklung eines content generators, der aus aktuellen Informationen per Zufall neue „bullshit“ Informationen generiert
  • Entwicklung einer Sammlung von Chatbots und automatischen Accountbots um eigene oder andere Inhalte in sozialen Netzwerken zu pushen.
  • „we might end up with information junkfood“ – Eli Pariser

    KONZEPT: Let’s burst my the bubble

    Eine Blase stellt durch seine Membran immer eine Abgrenzung dar – die Erzeugung eines Innen und eines Aussen. Diese Membran können wir auch als unseren persönlichen Horizont betrachten, das Innere als unsere Komfortzone und das Aussen als Alles jenseits davon.
    Was genau umreißt unsere Komfortzone? Ist unser Horizont erweiterbar? Die Arbeit möchte dieser Frage nachgehen durch die Entwicklung einer kleinen Applikation. Der Benutzer wird mit kleinen Aufgaben, (challenges) beauftragt, die stets außerhalb dessen Komfortzone liegen. Welche Aufgaben erledigt, angenommen, abgelehnt oder ignoriert wurden – stellt ein Indiz dafür dar, wo sich die Komfortzone des Nutzers befindet.

    > sharing/ nominierungsfuntion
    > User können ebenfalls quests vorschlagen
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    KONZEPT: it’s a bubble universe

    Unsere subjektive Perspektive bestätigt uns im Zentrum der eigenen Blase zu existieren, doch um genau zu sein sind wir alle Bestandteil von sehr vielen Blasen, die sich überschneiden und ineinanderlaufen.

  • Ort/Raum Blase > Ort an dem ich lebe, wohin ich mich bewege, wo ich war,…
  • Stimmungsblase > wie ich mich gerade fühle
  • Interessenblase > Hobby
  • Freundes/Familienblase
  • Berufsblase > mit den leuten mit denen man zu tun hat… selbe Sprache!
  • Altersblase
  • Gesundheitsblase
  • Herkunftsblase
  • Jede Blase basiert auf spezifischen Codes, Zeitlichkeit, Verbindlichkeit, Anziehungskraft und besitzt eine eigene Art der Kommunikation. Die Summe der Blasen sind ein großer Bestandteil unserer Kultur in der wir leben. Welche Blasen wir teilen und mitgestalten macht einen Großteil von dem aus, was uns als Individuum ausmacht. Wir definieren also nicht uns selbst, sondern es ist unser Umfeld, unsere Blasen an denen wir teilhaben – die uns definieren.

    Lässt sich so etwas darstellen?

    KONZEPT: Distorting the Myself Bubble?

    Wenn ich jeden morgen als jemand anders aufwachen würde, woher wüsste ich dann, wer Ich bin?
    Gegeben dem Fall alle Erinnerungen würden ebenfalls in meinem Kopf mitreisen – was steuert dann die das Ich in der Zukunft? Kann man eine Blase tauschen? Identitätstausch?
    Die Grundlage der Arbeit ist die Entwicklung einer verzerrten Darstellung einer Metablase eines Users. Der Nutzer gibt seinen Namen in das System ein und dieses sammelt sämtliche Daten verfügbar aus dem Netz zusammen und erzeugt ein digitales Spiegelbild. Was wird dabei herauskommen?
    Der eigentlich spannende Teil der Arbeit wird daraufhin die Manipulation dieses Abbildes sein. Welche legalen Werkzeuge können dem Nutzer an die Hand gegeben werden um mit dem digitalen Spiegelbild zu spielen? Welche Verwirrspiele sind uns möglich um uns im Digitalen wieder zu emanzipieren, anstatt zu entziehen?

    KONZEPT: The fifteen seconds of fame

    Wenn ich eine Botschaft an alle Menschen schicken könnte, welche wäre das? – Das Konzept basiert auf einer Applikation, die einen zufälligen Teilnehmenden der Community auffordert innerhalb von 15 Minuten eine Botschaft in Textform zu formulieren. Diese wird dann für 15 Sekunden auf dem Geräten der anderen Teilnehmer zu sehen sein und verschwindet daraufhin unrekapitulierbar. Welche Synergieeffekte sind zu beobachten? Gibt es eine Entwicklung der Inhalte im Laufe der Zeit? Was wird formuliert? Wer nimmt Teil? Gibt es eine Sortierung? Nach welchen Kriterien? Gibt es ein Bewertungssystem?

    The formal aspect of the bubble

    Die Visualisierung der metaphysischen Blase die uns umgibt kann keinen objektiven Kriterien folgen. Vielmehr sollten wir uns die Fragen stellen, welchen Reizen ist unsere Komfortzone ausgesetzt? Welche Faktoren sorgen für Ausdehnung, welche sogar für das Aufreissen der Blase? Das Bild entsteht, das unsere Metablase physikalischen Kräften ausgesetzt ist. Die Art der Krafteinwirkung bestimmt demnach die äußere Form.

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    Visualisierung der Bubble

    Die Visualisierung der Blase bietet uns in erster Linie eine vergleichbare Darstellung einer Metakonstruktion, mit der wir täglich aneinanderreiben – die uns in allen Dingen prägt, die unser Ich bedingen. Schon an dieser Stelle wird klar, das eine „realitätsnahe“ Darstellung niemals möglich ist – erst in dem Moment, wenn wir technologisch in der Lage wären sämtliche unserer emotionalen Bewegungen, alle Gedanken und Reize, die wir verarbeiten digital erfassen zu können. Uns bleibt die Möglichkeit der Entwicklung es verzerrten Spiegelbildes unseres digitalen Avatars. Was soll dieses Zerrbild über uns aussagen?

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    QUELLEN
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    „data will help us“ – Jonathan Harris
    http://number27.org/data

    „we feel fine“ – Jonathan Harris
    http://number27.org/wefeelfine

    Das Massenspaltungsmedium – FAZ Artikel
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/macht-der-medien-wie-facebook-die-politik-spaltet-14524894.html

    Die Filterblase Wiki
    https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

    Eli Pariser: Vorsicht vor „Filter-Blasen“ im Internet

    Ich lebe in keiner Filterblase! – Artikel im Tagesspiegel von Hendrik Lehmann
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/soziale-medien-segen-oder-fluch-ich-lebe-in-keiner-filterblase/14896118.html