another Visual Language

Ausgehend von der Darstellung im Artikel „unformal maps“ möchten wir nun einen Schritt weitergehen und die Bedeutung der dargestellten Graphiken weiter aufschlüsseln. Unsere geschriebene und gesprochene Sprache folgt einem festen Regelwerk, man könnte auch sagen einem Algorithmus, der uns in die Lage versetzt Informationen festzuhalten und zu teilen. Vokabeln und Grammatik sind die Grundwerkzeuge dieser Ausdrucksform. Können wir Indizien dafür auch auf folgender Graphik erkennen?

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Was wir zunächst erkennen können?
Wir betrachten eine amorphe graphische Form, die sich an Formen der Natur aber auch an hydrodynamischen Prozessen orientiert. Eine Leserichtung oder Hierachie ist für uns in erster Linie nicht zu entschlüsseln. Die dargestellten Begriffe, die verbindenden Linien, Pfeile und Verzweigungen bilden komplexe Nuancen und differenzieren die Darstellung in verschieden Regionen, die uns einerseits mit einer großen Menge an Informationen, andererseits in Ratlosigkeit versetzt, da wir nicht wissen, wie wir derartige Informationsgrafiken lesen können.

Die Grundbestandteile
Konzentrieren wir uns zunächst auf ein Grundbestandteil der Graphik – die Linie, deren Position, Orientierung, Linienlänge, Krümmung, Änlichkeit und Abstand zum Nachbar. Diese Parameter ermöglichen uns das einzelne Element, aber auch dessen ganzheitliche Bedeutung innerhalb der Graphik zu erfassen. Was können wir allerdings davon lernen?
Stützen wir uns auf den Kontext des agentenorientierten Denkens – also jeder Strich erhält seine Form lediglich durch sein Verhalten, welches durch einen datengebundenen Kontext definiert wird.
Diese Verhaltensparameter repräsentieren eine spezifische Bedeutung, z.B. die Linienlänge könnte die Wortlänge oder die Krümmung das Alter des Wortes darstellen. Aus diesen und vielen weiteren Parametern entsteht ein Metakontext, der lesbare Indizien für die gesamte Grafik bietet. Wir sind demnach in der Lage die Komplexität dr Graphik im Einzelnen zu entschlüsseln, ohne die Ganzheitlichkeit der Datenmenge zu vernachlässigen.

Herangehensweise: von Analog zu Digital
Die grammatischen/algorithmischen Grundregeln können wir wie im gezeigten Beispiel festhalten und damit beginnen Indizien zu der dargestellten Graphik sammeln. Schon in der groben Betrachtung fällt auf, das sich innerhalb der Darstellung differenzierte Regionen ausmachen lassen, wie Strudel, Strömungen und Wirbel. Wie kommen diese zustande? Welchen Rückschluss können wir zum Inhalt/Kontext ziehen? Ganz so wie es uns möglich ist beim Betrachten einer Wetterkarte topographische Rückschlüsse zur Region zu ziehen, ist es damit möglich Metainformationen zu den dargestellten Daten zu erhalten.

Wie nähern wir uns der Deutung dieser Grammatik/Semiotik?
Ausgehend von Methoden der gestalterischen Forschung betrachte ich den Entstehungsprozess der Graphiken durch die Entwicklung von Handzeichnungen. Die daraus entstandenen Erkenntnisse und Beobachtungen werden darauf in ein einfaches Regelwerk/Legende übersetzt. Als letzten Schritt gilt es dann dieses Regelwerk für die Maschine zu übersetzen und an den entsprechenden Ergebnissen zu überprüfen. Diese Maschine wird dann in der Lage sein einen beliebigen komplexen Text in der o.g. Form abzubilden.

Die Semiotik der agentenorientierten, generativen Graphik
Die folgenden Aspekte zur Lesbarkeit nonlinearer Graphiken können schon an der Stelle festgehalten werden und als Orientierung dienen:

  • Nonlinearität – Die Graphik bildet ein nonlineares Netzwerk ab. Es gibt für uns also keinen definierten Anfang und kein Ende. Selbst die lineare Entstehung der Zeichnung – vorangig von Außen nach Innen – spielt für die Deutung nur einen untergeordnete Rolle
  • Leserichtung – Wir sind kulturell auf eine spezifische Leserichtung geprägt. Diese Didaktik spielt in diesem Rahmen ebenfalls eine untergeordnete Rolle. Liniendynamik, Kanten und Verdichtungen und damit die Differenzierung der Graphik in Areale ist die weit entscheidendere Kompetenz.
  • Subjektive/Objektive Semiotik – Die Deutung einer amorphen Struktur erfäht kulturell nur wenig Förderung. Aspekte der objektiven und subjektiven Deutung mischen sich dabei auf verheerender Weise. Die dargestellen Graphiken erheben daher keinen Anspruch der Abbildung von objektiver Wahrheit. Betrachten wir die subjektive Deutung als Werkzeug zur Erforschung einer objektiven Grammatik.

Gehen wir etwas mehr ins Detail mit der Deutung der Visualisierung. Unser visueller Apparat ist in der Lage wiederkehrende Muster sehr schnell und präzise zu erkennen. Die Differenzierung erfolgt nach dem Prinzip der Abweichung – alsbald sich ein Element in seinem Erscheinungsbild vom Durchschnitt der Gruppe zu weit entfernt hat, wird es für Uns visuell und damit kontextuell getrennt. Wir sind ohne Weiteres in der Lage Regionen und deren Abhängigkeiten auszumachen – lediglich anhand einfacher Indizien des Striches, wie durch Pfeile, Strichlänge, Krümmung und Strichabstand. Neben der Differenzierung der Graphik in Regionen können wir eine ganzheitliche Dynamik/Abhängigkeit ausmachen, da die Regionen, trotz ihrer strukturellen Eigenheiten in einer schlüssigen Balance zu verorten sind. Dieser Eindruck begründet sich darauf, das alle Regionen gemeinsamen Gesetzmäßigkeiten folgen und sich nur in ihrem parametrischen Profil voneinander unterscheiden.

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Welche Gruppierungen können wir anhand der Abbildung ausmachen? Zu sehen ist ein klar ausformulierter Strudel, der anhand der Linienrotation erkennbar wird. Diese Gruppierung formuliert sich aus den Begriffen perception und unstructured – wobei atonality als Kern oder Ursprung zu bezeichnen ist, da es sich am weitesten im Zentrum der Radialbewegung befindet. Der Strudel mündet im Zentrum der Abbildung mit einer gespiegelten Bewegung aus den Begriffen overpassing, truth und curiouscity in einen gemeinsamen Strom aus den Begriffen conciousness, hope und emotion welche zum Zentrum der Graphik mündet.

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Im Kernbereich der Graphik erkennen wir herausgestellte Begriffe wie hapron, generation, simplicity, thought und reliability. Ein Einfluß der Strömung, die aus dem o.g. Strudel entsteht können wir am Begriff trueness erkennen.

Ausläufer der Kernströmung sind an der wirbelhaften Auformung zu erkennen und mit den Begriffen expansion, neckless und season bezeichnet. Einige Bewegungspfeile geben darüberhinaus Indiz über die Strömungsrichtung, die sich zur Peripherie der Graphik bewegt und mit Begriffen wie reliability und thought benannt werden.

Interessant ist die Auflösung der Strömung in einen stockenden Strudel aus den Begriffen death und trippin, welche von weiteren Strömungen bedrängt und beeinflußt werden (misleaning).

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Als Besonderheit ist eine Ausläuferregion in der Peripherie der Graphik zu nennen, der durch die Begriffe semaphores und protection fixierbar ist. Hinweis dafür geben die stark gekrümmten Linien zum Aussenbereich der Graphik, die eine visuelle Transitfläche, aber auch eine potentielle Fortentwicklung darstellen können. Zu betonen wäre: Die Gesamtheit der dargestellten Graphik umschreibt eine Momentaufnahme eines Prozesses, mit undefinierbarem Anfang und Ende – die Darstellung gibt uns also Hinweise für eine Entwicklung und eine Vergangenheit innerhalb einer bestimmten Reichweite, die durch das Alter der Daten bestimmt wird.

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Wir können die Graphik in Ihrer Dynamik betrachten indem wir uns – wie bei einer Wetterkarte – auf die Strömungsrichtungen fokussieren. Die o.g. Abbildung zeigt die Strömungsdichte (links) sowie Sträömungsrichtung/Geschwindigkeit (rechts) der Graphik. Diese beiden Abbildungen geben einen Eindrück über das Grundgerüst der dargestellten Daten. Wir sind durch die Berücksichtigung des Flußschema in der Lage weiterführende Zusammenhänge zu den einzelnen Regionen, deren Abhängigkeiten, Ursprünge und kommende Entwicklungen ablesen.